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Media Funders | Crowdfunding und Crowdsourcing unabhängigen Journalismus Media Funders | Crowdfunding und Crowdsourcing unabhängigen Journalismus 2. Juli 2011  -  2 comments
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Neue Studie «Stiftungsfinanzierter Journalismus in den USA» als Wegweiser für Europa

Das internationale und auch die hiesigen nationalen Mediensysteme haben in den letzten Jahren tiefgreifende Veränderungen erfahren. Daher stellt sich die Frage, ob der Journalismus die ihm zugeschriebene Rolle in der Demokratie noch erfüllen kann – insbesondere die Kritik- und Kontrollfunktion gegenüber Wirtschaft, Politik und Gesellschaft scheint auf dem Spiel zu stehen. In den USA, wo Finanz- und Medienkrise härter ausgefallen sind als in Europa, haben sich neue Modelle für Qualitätsjournalismus und investigative Recherche entwickelt – getragen von Stiftungen und Non-Profit-Organisationen. Eine neue Studie mit dem Titel «Finanzierung journalistischer Aktivitäten durch gemeinnützige Organisationen in den USA» (PDF) zeigt die Engagements und Journalismus-Projekte von US-Stiftungen, sowie einen vergleichenden Blick auf die Stiftungslandschaft in Deutschland.

Die Ursachen für die Probleme und Herausforderungen in der US-Medienlandschaft sind die Gleichen, wie in Europa. Die ursprünglichen Hauptfinanzierungsquellen der Presse, die Vertriebs- und Anzeigenerlöse, brechen kontinuierlich weg. Der Rotstift der Medienhäuser trifft in Folge oft den investigativen Journalismus. Denn dieser kostet die Verlage viel Zeit und Geld.

Anders als hingegen in Europa, treten amerikanische Stiftungen und Non-Profit-Organisationen schon seit mehreren Jahren erfolgreich mit Fördergeldern und Programmen an, um dem drohenden Verschwinden des Qualitätsjournalismus entgegen zu treten. Die Studie von der Technischen Universität Dortmund und der University of Wisconsin-Madison gibt hierzu interessante Einblicke und lehrreiche Impulse für Europa.

US-Stiftungen fördern Qualitätsjournalismus mit
100 Millionen Dollar pro Jahr

Allein in den letzten zehn Jahren hat der gemeinnützige Sektor in den USA über eine Milliarde Dollar investiert. Damit belaufen sich die Fördermittel für journalistische Kommunikation auf rund 100 Millionen Dollar pro Jahr.

Laut der durchgeführten Analyse unter Federführung von Prof. Lewis Friedland vom Center for Communication and Democracy, ist in den USA dadurch in den letzten zehn Jahren ein lebendiger gemeinnützig finanzierter Journalismus entstanden. Das Engagement der amerikanischen Stiftungen hat beachtliche Auswirkungen auf die Praxis im Lokaljournalismus, im investigativen Journalismus und im Feld ausgewählter Themen wie Gesundheitspolitik. Neue technische Möglichkeiten wurden entwickelt und Ausbildungszentren für Journalisten aufgebaut.

Die Studie belegt, dass Stiftungsfinanzierung die Lücken in der von Umbrüchen geprägten Medienlandschaft schliessen. Gleichzeitig zeigt das amerikanische Beispiel, dass grosse Experimente mit relativ bescheidenen Mitteln angeschoben und neue Formen des Qualitätsjournalismus erprobt werden können.

Stiftungsgelder sind essenzieller Faktor für neue investigative Journalismus-Projekte

In der Studie werden die grössten US-Stiftungen, sowie eine Auswahl durch sie geförderte Journalismus-Projekte und Organisationen vorgestellt. Dabei zeigt sich, wie wichtig die finanzielle Unterstützung von Stiftungen und Spender ist, um neue innovative und unabhängige Projekte im Journalismus- und Medienbereich zu realisieren. Die Förderung beschränkt sich dabei nicht auf die Ausbildung, Stipendien und Preise für Journalisten, sondern hat in den letzten Jahren ein viel breiteres Spektrum angenommen. Klassische investigative Recherchen werden ebenso engagiert finanziell gefördert, wie die Entwicklung neuer Innovationen, Technologien, Konzepte und Lösungen für die Gegenwart und Zukunft.

Alleine die Knight-Stiftung (John S. and James L. Knight Foundation) hat in den letzten zehn Jahren unabhängigen Journalismus mit 400 Millionen Dollar gefördert. Zusammen mit zahlreichen anderen Stiftungen konnten so ganz neue Ansätze aus der Taufe gehoben werden.

Die US-Stiftungen scheuen nicht vor Experimenten zurück, sondern sehen gerade darin die Chance, neue und dringend notwendige Lösungen für die Herausforderungen in der Medienlandschaft und dem Journalismus zu finden. Und so sind es gerade die Gelder der Stiftungen, welche unabhängigen investigativen Journalismus und neue Medienprojekte (z.B. auch im Bereich Bürger- und Lokaljournalismus) ermöglichen und auch längerfristig garantieren können.

Zu den unterstützten und in der Studie vorgestellten Praxisbeispiele zählen z.B. das J-Lab (Hat das Ziel, Journalistinnen und Bürgern zu helfen, durch Nutzung digitaler Technologien neue Möglichkeiten zur Teilnahme am öffentlichen Leben zu entwickeln.), ProPublica (Die Organisation beschäftigt 32 Journalistinnen und Journalisten für investigative Recherchen. Die Reportagen werden Presseunternehmen zum Grossteil kostenlos zur Verfügung gestellt.), das Center for Public Integrity (Eines der ersten Nonprofit-Zenter für investigativen Journalismus in den USA und ist heute mit 40 Angestellten und 100 Auslandskorrespondenten in 50 Ländern aktiv.), das Pulitzer Center on Crisis Reporting (Die gemeinnützige Organisation legt den Schwerpunkt auf die internationale Berichterstattung für das US-amerikanische Publikum, vor allem in Themenbereichen, über die in den amerikanischen Medien wenig berichtet wird.) und andere.

Unter den vorgestellten Projekten wird auch mehrfach Spot.Us genannt, eine Crowdfunding-Plattform zur Finanzierung von unabhängigen investigativen Lokal-Reportagen durch die Bevölkerung, welche das Lokal-Pendant zu unserer zukünftigen internationalen Media Funders-Plattform darstellt. Die Knight-Stiftung hat die Entwicklung der innovativen Plattform im Jahre 2008 mit 340’000 Dollar unterstützt und zeigte damit nicht nur, wie die wichtigste amerikanische Journalismus-Stiftung über diese neue Art der Journalismus-Finanzierung denkt, sondern auch die Entschlossenheit der Stiftung, neue Konzepte und Technologien zu fördern, um die Qualität und Unabhängigkeit des Journalismus auch in Zukunft noch erhalten zu können.

Schlussfolgerungen für Stiftungen und Spender in Deutschland bzw. Europa

Prof. Holger Wormer von der Technische Universität Dortmund schreibt in seinem Fazit:

„Wir müssen dringend darüber nachdenken, wie wir guten Journalismus als Kernbestand eines funktionierenden demokratischen Gemeinwesens erhalten und stärken können. Und wir müssen, inspiriert von den Stiftungen in den USA, auch in Deutschland jetzt darüber nachdenken, weil es einige Zeit lang dauert, bis man auf diese fundamentale Frage tragfähige Antworten findet. Wir müssen deshalb jetzt auch einige experimentelle Wege beschreiten, die die etablierten Medien von selbst nicht gehen können oder wollen. Wir dürfen nicht warten, bis die Erosion eine wichtige Säule der Demokratie, das Fundament einer funktionierenden Presselandschaft bereits nachhaltig beschädigt hat.

In einem Land, in dem man sogar Schlaglöcher auf maroden Strassen adoptieren kann, sollte es auch möglich sein, Stifter zu finden, die der vierten Säule der Demokratie wieder zu jener Tragfähigkeit mit verhelfen, wie es ihrer Systemrelevanz entspricht.“

Die in Teilen durchaus vergleichbaren Rahmenbedingungen in den USA und Europa lassen den Schluss zu, dass mit einem durchdachten Stiftungsengagement in Europa die Chancen für den Erhalt des Qualitätsjournalismus gut stehen.

Active Philanthropy, welche sich für die Redaktion der Journalismus-Studie verantwortlich zeichnet, schreibt jedoch, dass sich durch die aktuellen schwerpunktmässigen Förderungen deutscher Stiftungen, wie die Finanzierung von Preisen, Stipendien und Reisen für Journalisten, keinerlei systemische Effekte erzielen lassen. Um wie in den USA unabhängigen, qualitativ hochwertigen sowie investigativen Journalismus entscheidend zu stützen, nachhaltig zu fördern und auch in Zukunft zu erhalten, reiche dieser enge Fokus nicht aus. Aber gerade Stiftungen könnten auch hier in Europa eine entscheidende Rolle einnehmen, da gerade sie unabhängig von der Politik und der privaten Marktwirtschaft agieren können.

„Stiftungen können ein Garant dafür sein, dass beim Wandel einer grösstenteils printbasierten Kultur zu einer Online-Kultur alte Traditionen nicht untergehen, sondern in den neuen Online-Medien fortbestehen, zumindest bis diese ohne komplette Spendenfinanzierung überlebensfähig sind.“, so Active Philanthropy.

Fazit von Media Funders

Als eines der wohl engagiertesten und ambitioniertesten Projekte zur Förderung und Finanzierung von unabhängigem investigativen Qualitätsjournalismus in Europa, bestätigt uns diese Studie in unserem Vorhaben. Wir hoffen natürlich, dass diese Studie viele Stiftungen und Spender für gemeinnützigen stiftungs- und spendenfinanzierten Journalismus und die aktive Förderung von innovativen Journalismus- und Medienprojekten sensibilisiert und für eigene Engagements motiviert. Es ist nötig, sich jetzt den Herausforderung des Medien- und Strukturwandels zu stellen. Wir gehen dies mit Media Funders und in enger Zusammenarbeit mit vielen Akteuren an und setzen Lösungen aktiv in die Praxis um. Stiftungen und Spendern kommt dabei eine essenzielle Rolle zu. Die Studie macht deutlich, warum auch wir und der unabhängige investigative Journalismus in Europa auf sie angewiesen sind.

Studie: PDF-Download (399 KB)

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Gründer und Co-Funder von Media Funders, der Crowdfunding- & Crowdsourcing-Plattform für unabhängigen Journalismus, des mq-MEDIALAB sowie mediaquell, dem unabhängigen Medien-Netzwerk für lokale und globale News und Informationen.

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