Media Funders | Crowdfunding und Crowdsourcing unabhängigen Journalismus
Media Funders | Crowdfunding und Crowdsourcing unabhängigen Journalismus Media Funders | Crowdfunding und Crowdsourcing unabhängigen Journalismus 15. Juni 2011  -  0 comments
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Interview: Journalismus-Professor Stefan Heijnk mit Media Funders-Initiator Stefan Hertach

Stefan Heijnk ist Professor für Print- und Online-Journalismus am Journalistik-Studiengang der FH Hannover. In seinem privaten Weblog «Texten fürs Web» publiziert Prof. Heijnk Praxistipps für die Inhaltproduktion im Web. Dazu werden aktuelle Onlinejournalismus-Trends aufgegriffen, ausgewählte Web-Fundstücke präsentiert und praxisnützliche Erkenntnisse der Medien-Forschung vorgestellt. Für seine neue Rubrik «Das TfW-Interview: 6 Fragen, 7 Antworten» befasste er sich mit Crowdfunding für Journalismus und Medien. Dazu stellte er Media Funders-Initiator Stefan Hertach sechs Fragen, die wir euch hier nicht vorenthalten wollen. Nachfolgend daher das Interview als Crosspost:

1. Crowdfundingdienste gibt es im Web schon eine ganze Reihe. Warum braucht der deutschsprachige Journalismus eine Plattform wie mediafunders.net?

Die Gründe sind sehr vielfältig. Sie zeigen sich in ganz unterschiedlichen Bereichen, je nach Perspektive. Ich denke, jede Demokratie benötigt für ihr Funktionieren unabhängige und unzensierte Information. Jede Bürgerin und jeder Bürger, der diese Auffassung teilt, hat bei Media Funders deshalb die Möglichkeit, sich ganz persönlich für unabhängigen Journalismus zu engagieren und sich auch selbst einzubringen, etwa mit eigenen Themenvorschlägen. Für Journalisten hingegen bietet Media Funders die Option, fair bezahlte Aufträge zu bekommen und spannende Projekte realisieren zu können. Und nicht zuletzt stellt Media Funders auch eine neue Quelle für hochwertige Journalismus-Inhalte für etablierte Verlage und Medienunternehmen dar, denen bekanntlich immer öfter das Geld für eigene anspruchsvolle Inhalte fehlen. Hier können sich also Bürger und die Medien die Investitionen teilen und gemeinsam auf ihre Art von Qualitätsjournalismus profitieren.

2. Manche Branchenexperten sehen für Printmedien ein Finanzierungsmodell über Stiftungen oder über Presseabgaben (ähnlich der Rundfunkgebühr) als “dritten Weg” neben Werbeeinnahmen und Verkaufserlösen. Was halten Sie davon?

Eine Diversifizierung von Einnahmequellen für Medienunternehmen halte ich für enorm wichtig. Finanzierungsmodelle für Printmedien und für andere Medienunternehmen gibt es sicherlich sehr viele, aber leider haben die meisten klassischen Medienunternehmen bis jetzt die Diversifikation zu lange vernachlässigt. Die genannten Vorschläge neuer Finanzierungsformen müsste man sich sicherlich genauer ansehen.

Was dabei den Einbezug von Stiftungen betrifft, die generell „unabhängigen“ Journalismus oder ausgewählte Medien und Projekte unterstützen wollen, so finde ich dies eine sehr gute Sache. Media Funders selbst bezieht in diesem Bereich auch gezielt Stiftungen mit ein und gibt diesen die Möglichkeit, individuell in einzelne Journalismus-Projekte zu investieren oder aber in den gemeinsamen Media Funders Fond einzuzahlen.

Dabei sehe ich sowohl für die Stiftungen als auch für die Projektausschreiber Vorteile. Wer sich schon mal für Stiftungsgelder beworben oder sich darüber informiert hat, weiss, wie aufwendig und zeitintensiv das Verfahren in der Regel ist. Bei Projektausschreibungen auf einer Crowdfunding-Plattform können Stiftungen neben allen Projektinformationen u.a. auch das Interesse und die Reaktionen von anderen Förderern und Unterstützern als Gradmesser für eine Beteiligung nehmen. Da sieht man in der Regel sehr gut, welche Projekte beim Zielpublikum auf Interesse stossen.

3. Würden Sie auch Geldmittel von staatlicher Seite, also aus öffentlicher Hand akzeptieren?

Was die finanzielle Unterstützung von Media Funders oder die Mitfinanzierung von Journalismus-Projekten betrifft, so sind sowohl Gelder aus öffentlicher und privater Hand, wie auch von Unternehmen oder Stiftungen willkommen. Die Konzepte und Prozesse bei Media Funders sind so konzipiert, dass Geldgeber keinen direkten Einfluss auf Media Funders oder die journalistische Arbeit der Journalisten erlangen. Wobei es z.B. für heikle Themen spezielle Sicherheitsverfahren geben wird, um unabhängige Recherchen zu gewährleisten.

4. Wie funktionieren diese Sicherheitsverfahren?

Grundsätzlich gibt es mehrere Basisfaktoren, welche die Einflussnahme durch Geldgeber oder andere Parteien minimieren. Dazu gehört beispielsweise, dass es für jedes Projekt immer eine ganze Reihe von Geldgebern gibt. Ein Geldgeber ist in einem Projekt damit immer nur einer von vielen. Darüber hinaus gibt es eine große Transparenz: Es ist auf der Website zu jeder Zeit öffentlich einsehbar, welcher Media Funder wie viel Geld bereitgestellt hat und wer es empfängt.

Wenn es um die Realisierung heikler Reportagethemen geht, bei denen man annehmen muss, dass von irgendwelcher Seite womöglich Einfluss auf den oder die Journalisten ausgeübt werden könnte, dann gibt es zusätzliche Sicherheitsverfahren, um die unabhängige Arbeit zu gewährleisten. Das können komplexere Verfahren bei der Auswahl der ausführenden Journalisten sein, bis hin zur Möglichkeit, dass z.B. zwei Journalisten oder Journalisten-Teams unabhängig voneinander mit dem gleichen Thema beauftragt werden. Darüber hinaus gibt es für Entscheidungs- und Wahlprozesse jeweils ein individuell zusammengesetztes Media Funders Gremium aus festen und variable einbezogenen Leuten aus dem Journalismus-Bereich, womit auch interne demokratische und unabhängige Prozesse gewährleistet werden.

Sollte es in spezifischen Fälle nötig sein, so ist es das Ziel von Media Funders, dass durch optionale Sicherheitsverfahren gewährleistet werden kann, dass selbst ausführende Journalisten(-Teams) bis zur Veröffentlichung ihrer Ergebnisse, auch anonym recherchieren und arbeiten können.

5. Wenn ich Ihre FAQs richtig interpretiere, dann können bei Ihnen Journalisten keine eigenen Themen vorschlagen, sondern sich allein für die Realisierung der von Usern vorgeschlagenen Themen bewerben. Ist das richtig?

Nein, die entsprechende Antwort in den FAQ bezieht sich nur auf das „Bewerben“ für Reportagen. Journalisten können selber konkrete Reportage-Projekte einreichen, die sie gerne ausführen möchten. Werden diese erfolgreich finanziert, dann liegt die Ausführung direkt bei ihnen. Für die Ausführung von Reportage-Projekten, welche hingegen durch User oder Organisationen vorgeschlagen wurden, können sich alle unabhängigen Journalisten bewerben.

6. Wie stellen Sie sicher, dass das gespendete Geld auch wirklich für die vorgeschlagenen Projekte verwendet wird?

Die Projektausschreiber sowie die Journalisten, welche sich auf freie Reportage-Projekte bewerben, werden sich durch entsprechende Teilnahmebedingungen dazu verpflichten, dass sie das Geld nur für die in der öffentlichen Projektausschreibung definierten Verwendungszwecke einsetzen. Ausserdem wird das Media Funders Gremium (das sich aus freien Journalisten zusammensetzt) jeweils schon vorab klären, ob das eingereichte Budgetziel für das jeweilige Projekt angemessen und für die vorgegebenen Ziele ausreichend ist.

Am Ende kann aber jeder Funder, Leser, Zuhörer oder Zuseher an Hand des frei zugänglichen Ergebnisses selber beurteilen, ob für ihn oder sie die finanziellen Mittel zufriedenstellend eingesetzt wurden. Jeder Journalist muss sich am Ende mit seiner Arbeit automatisch der Öffentlichkeit stellen. Die Journalisten stehen somit auch mit ihrem Namen und ihrer Reputation für ihre abgelieferte Arbeit gerade. Wenn eine Reportage nun für die zur Verfügung gestellten finanziellen Ressourcen zu dürftig ausfällt, einseitig oder intransparent ist, kann sich dies auf zukünftige Projektausschreibungen, Finanzierungen und externe Aufträge auswirken. Andererseits wirkt sich aber ebenso auch eine gute Arbeit positiv auf die Reputation aus und erleichtert vielleicht die Finanzierung von neuen Projektvorhaben.

Wie Sie mir sagten, sind Sie selber kein Journalist, warum setzen gerade Sie sich für guten, unabhängigen Journalismus ein?

Man muss kein Journalist sein, um zu erkennen, dass die klassischen Medien seit Jahren kontinuierlich an qualitativer und inhaltlicher Substanz verlieren. Auch die Bürger ohne journalistischen Hintergrund merken, dass sie über die Zeitungen, Online-Plattformen, Radio- und Fernsehangebote der Massenmedien nicht mehr mit der fundierten Qualität, Unabhängigkeit und den relevanten Themen versorgt werden, wie es für eine demokratische und ausgeglichene Gesellschaft nötig wäre.

Je öfter man klassische Medieninhalte selber mit Quellen, Hintergrundinformationen oder Themen im World Wide Web und der Realität abgleicht, und je mehr Medienkompetenz man sich dadurch aneignet, umso stärker wird einem dieser gewaltige Informations- und Qualitätsverlust bewusst. Da eine unabhängig informierende Presse aber zum A und O einer Gesellschaft gehört, sollte es im Sinne jedes Bürgers sein, sich für eine unabhängige Presse, Meinungsfreiheit und transparente Berichterstattung einzusetzen.

Eine starke, von Politik und Wirtschaft unabhängige Medienlandschaft, welche ihre Aufgabe als vierte Gewalt wahrnimmt, hat meiner Ansicht nach die Chance, zu mehr nachhaltigem Gleichgewicht beizutragen und für positive gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen zu sorgen. Anders ausgedrückt, ich sehe in (investigativem) unabhängigem Journalismus und frei zugänglichen Informationen einen Schlüsselfaktor, um die Probleme, Konflikte, Ungleichgewichte und Herausforderungen der heutigen Zeit (wieder) in ein demokratisches, faires und nachhaltiges Gleichgewicht zu bringen.

Hintergrund: So funktioniert Crowdfunding bei Media Funders

Während bei Micropayment-Diensten wie Kachingle oder Flattr kleine Geldbeträge nachträglich für bereits existierende Inhalte, Webseiten oder Produkte überwiesen werden, geht es bei der Crowdfunding-Plattform von Media Funders um die komplette Finanzierung zukünftiger Projektvorhaben.

Beispiel: Ein Journalist möchte eine investigative Reportage über ein bestimmtes Thema realisieren, findet aber kein Medienunternehmen, dass das Projekt finanziert. Dieser Journalist hat bei Media Funders die Möglichkeit, sein Reportagevorhaben auf der Crowdfunding-Plattform mediafunders.net öffentlich vorzustellen. Dabei beschreibt er, was er recherchieren möchte, welche Form und welchen Umfang das Endprodukt haben wird (etwa einen Artikel plus begleitende Fotos) und gibt an, welches Budget er zur Realisierung der Reportage benötigt. Nun können alle interessierten Media Funder (also Privatpersonen, Stiftungen, Organisationen etc.) das Vorhaben mit beliebig kleinen und größeren Geldbeträgen mitfinanzieren. Ist nach Ablauf einer vordefinierten Finanzierungsfrist das benötigte Budget zusammengekommen, kann sich der Journalist an die Umsetzung machen.

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About the author

Gründer und Co-Funder von Media Funders, der Crowdfunding- & Crowdsourcing-Plattform für unabhängigen Journalismus, des mq-MEDIALAB sowie mediaquell, dem unabhängigen Medien-Netzwerk für lokale und globale News und Informationen.

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